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Innovationslücken und Skalierungshemmnisse

Auf Basis der Gespräche und des Workshops kristallisieren sich insbesondere die folgenden Innovationslücken und Skalierungshemmnisse heraus. 

  1. Fehlende Standardisierung und technologische Hürden
    • Keine einheitlichen Qualitätsparameter. Kunden wissen nicht, welches Lignin für ihre Anwendung geeignet ist.
    • Drop-In Lösungen und robuste Verfahren fehlen: „Es mangelt an mutigen Kunden, weil Lignin keine Drop-In-Lösung ist.“
  2. Kostenstruktur und fehlende Preisanreize
    • Fossile Alternativen (zum Beispiel Phenole) sind günstiger, und die thermische Verwertung des Lignins ist profitabler.
  3. Unzureichende Pilotinfrastruktur
    • Es gibt keine öffentlich zugänglichen Scale-Up-Piloten für Ligninanwendungen: „Wir brauchen eine skalierbare Infrastruktur jenseits der Forschungslabore.“
      • Viele Entwicklungen bleiben im Labormaßstab.
  4. Regulatorik
    • Chemische Modifikation wäre notwendig, aber teuer und regulatorisch riskant.
    • Chemische Modifikationen lösen möglicherweise aufwändige Zulassungsprozesse und Pflichten aus.
    • Startups haben oft weder das Kapital noch die Struktur, um die Zulassungen zu stemmen.
  5. Fehlende Austauschplattform
    • Es gibt kaum übergreifende Allianzen oder Cluster, die entlang der Wertschöpfungskette arbeiten.
    • Kein Matching zwischen Rohstoffproduzenten, Veredlern, Formulierern und Endanwendern: „Was fehlt, ist eine Institution, die Mittler ist.“
    • Es gibt keine umfassende Übersicht über kommerziell verfügbare Lignine.

1. Fehlende Standardisierung und technologische Hürden

Nach Aussagen der befragten Expertinnen und Experten gibt es keine einheitlichen Qualitätsparameter für Lignin. Verarbeitende Unternehmen und Kundinnen sowie Kunden wissen daher oft nicht, welches Lignin für ihre spezifische Anwendung geeignet ist. Hinzu kommt, dass Lignin in der Regel keine Drop-in-Lösung darstellt, das heißt, es erfordert vollkommen neue Formulierungen und kann bestehende Inhaltsstoffe in vielen Produkten nicht eins zu eins ersetzen. Dies macht die Entwicklung innovativer Produkte auf Basis von Lignin teuer und risikobehaftet. Unternehmen zögern daher, da Neuentwicklungen hohe Kosten verursachen und mit Risiken verbunden sind.

Bevor Unternehmen die Produktion umstellen, erwarten sie in der Kosmetik-, Bau- oder Chemiebranche langfristige Testzyklen. Aktuell sind nur wenige Leistungsdaten verfügbar beziehungsweise frei zugänglich. Daher kommen auf Lignin-Anbieter oder sogenannte „Transformer“, die das separierte Lignin aus Zellstoffanlagen oder Bioraffinerien erhalten und für die Weiterverarbeitung aufbereiten, zusätzliche Herausforderungen in der Produktentwicklung und bei der Erstellung von Use-Cases zu. Lignin wird zwar in zahlreichen Anwendungen – von UV-Schutz in Kosmetika bis hin zu Bindemitteln in Baumaterialien – getestet, aber es gibt kaum serienreife Anwendungen.

Diesen Innovationslücken und Skalierungshemmnissen widmet sich das Startup Lignopure mit Sitz in Hamburg. Die Gründerinnen haben im Markt einen Mangel an natürlichen funktionalen Inhaltsstoffen erkannt und arbeiten daran, diese Innovationslücke zu schließen. Im Best-Practice-Beispiel legt Dr. Wienke Reynolds dar, worin die Innovation von Lignopure besteht und wie das Startup eine wichtige Pionierrolle im Lignin-Markt sowie eine verbindende Position innerhalb der Wertschöpfungskette einnimmt.

Best Practice: Lignopure

Wie der Name unseres Unternehmens schon erahnen lässt, stellt Lignin die Grundlage all unserer Aktivitäten dar. Unsere Wurzeln liegen in der Bioraffinerie-Forschung an der Technischen Universität Hamburg; dort erforschen wir auch das Potenzial von Lignin für verschiedenste Anwendungen. Wir haben festgestellt, dass es seit etlichen Jahren unglaublich vielseitige, internationale Forschung zu diesem Thema gibt, allerdings bisher wenig bis gar keine kommerziellen Produkte mit Lignin als Rohstoff. In Gesprächen mit verschiedenen Stakeholdern entlang der Lignin-Wertschöpfungskette haben wir auch schnell gelernt, dass vor allem der Zugang zu Ligninquellen auf industriellem Maßstab mit einer definierten und verlässlichen Qualität eine große Hürde darstellt.

Diese Ausgangssituation war unsere Hauptmotivation, Lignopure zu gründen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, Lignin als natürlichen, funktionalen Inhaltsstoff für hochwertige Anwendungen zu vermarkten und industriell zu etablieren. Hierfür beziehen wir Lignin-Nebenströme von Zellstoffanlagen und Lignozellulose-Bioraffinerien und verarbeiten diese weiter zu ready-to-use, upgecycelten Inhaltsstoffen.

Die Anwendungsmöglichkeiten von Lignin sind sehr vielseitig, daher haben wir uns zunächst auf die Kosmetik als Einstiegsmarkt fokussiert. Dort kann Lignin seine natürlichen Stärken im Bereich Antioxidanz und UV-Schutz aber auch seine natürliche, braune Farbe voll ausspielen. Die Anwendungen reichen von Sonnenschutz- und Hautpflegeprodukten zu dekorativen Kosmetika und sogar Haarpflege.

Wir waren uns von Anfang an bewusst, dass dies keine einfache Pionierrolle darstellt. In den vergangenen Jahren haben wir die entsprechenden Lieferketten und Produktionsprozesse aufgebaut, alle notwendigen Produkttests durchgeführt und erforderlichen Zulassungen erlangt. 2023 haben wir unsere LignoBaseTM-Linie offiziell eingeführt, und im Mai 2025 wurde die erste Sonnencreme mit unserem natürlichen Inhaltsstoff in Südkorea auf den Markt gebracht. K‑Beauty1 spielt definitiv eine Vorreiterrolle bei Innovationen im Bereich Skincare.

Der kosmetische Markt nutzt natürlich keine gigantischen Mengen an Lignin. Aber wir haben hier die Möglichkeit, wirklich schädliche Inhaltsstoffe wie UV-Filter oder Mikroplastik zu ersetzen, welche aquatische Lebensräume belasten. Vor allem aber stellt das erste kosmetische Endprodukt mit Lignin einen absoluten Meilenstein für das Lignin-Ökosystem dar, den Proof-of-Concept, sodass Lignin in wirklich anspruchsvollen Märkten Anwendung finden kann. Wir sind sehr optimistisch, dass viele Produkte folgen werden!

Ausgehend von unserem Proof-of-Concept im kosmetischen Markt und unseren Erfahrungen der letzten Jahre möchten wir unsere Reichweite jetzt vergrößern. Dies umfasst nicht nur weitere kosmetische Inhaltsstoffe, sondern auch die Expansion in neue Märkte im Life-Science-Bereich sowie im Bereich neuer Materialien (Compounds, Schäume, Textilien und Paints/Coatings), wo Lignin seine Funktionalitäten voll ausspielen kann.

Dr. Wienke Reynolds, Lignopure

2. Kostenstruktur und fehlende Preisanreize

Wie eingangs beschrieben, fallen jährlich Millionen Tonnen Lignin an – doch nur ein Bruchteil wird stofflich genutzt. Zellstoffwerke verbrennen es derzeit, um ihren Energieverbrauch zu decken und überschüssige Energie ins Netz einzuspeisen, da die stoffliche Nutzung aktuell noch zu komplex und kostenintensiv ist.

Der Markt honoriert den Einsatz biobasierter Materialien derzeit kaum. Lignin kann aufgrund seiner technischen Eigenschaften in der Regel nicht in großen Mengen beispielsweise in Matratzen- oder Bauschäumen eingesetzt werden und macht daher nur einen kleinen Anteil am Gesamtprodukt aus. Nachhaltigkeitsmarketing erreicht Kundinnen und Kunden jedoch nicht, wenn nur ein bis zwei Prozent des Endprodukts biobasiert sind. Im Commodity-Bereich, das heißt bei standardisierten, homogenen Produkten, die häufig in großen Mengen gehandelt werden, sind kleinste Preisdifferenzen kaufentscheidend, und den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern zufolge sind die Abnehmenden besonders preissensibel.

Des Weiteren greift im Gegensatz zur CO₂-Steuer auf fossile Brenn- und Kraftstoffe derzeit noch keine Subvention für biobasierte Materialien beziehungsweise für die teilweise Substitution von fossilen Energieträgern durch diese Materialien. Solange es kein „Level Playing Field“ gibt – das heißt, solange die Bedingungen für die Verarbeitung von biobasierten und fossilen Rohstoffen in Bezug auf die Kosten nicht gleichgestellt sind –, wird es Lignin schwerfallen, in den harten Preiskämpfen mitzuhalten.

Aufgrund der zunehmenden Elektrifizierung der Industrie und des Mobilitätssektors steigt hierzulande und weltweit der Bedarf an regional verfügbaren und ökologisch verträglichen Rohstoffen für elektrochemische Energiespeicher. Prof. Dr. Martin Oschatz und sein Team am Institut für Technische Chemie und Umweltchemie der Friedrich-Schiller-Universität Jena erforschen daher Lignin als Basis für Batterieelektroden.

Best Practice: Batterieforschung an der Universität Jena

Die Verwendung und Aufwertung von biomassebasierten Materialien findet in der Forschung bereits Interesse. Unter anderem können sie in thermischen Verfahren unter Luftausschluss zu hochwertigen Kohlenstoffmaterialien umgewandelt werden. Diese können beispielsweise in Energiespeichern als Elektroden eingesetzt werden oder in der Katalyse zum Einsatz kommen. Die Nutzung von Lignin als verfügbarer und biogener Ausgangsstoff für die Anwendung in diesen Gebieten spielt dabei die Hauptrolle im Projekt LignUp (Upgrading von Lignin für faire Rohstoffe) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Indem man teilweise fossile Ausgangsverbindungen durch Lignin ersetzt, können die Kosten der Herstellungsprozesse sowie der CO2-Fußabdruck von Funktionsmaterialien erheblich reduziert werden. Neben Anwendungen wie der Abwasserreinigung oder der Gewinnung von chemischen Grundbausteinen, bietet besonders die Verwertung zu Kohlenstoffelektroden ein erhebliches Potenzial. Das für die herkömmliche Lithium-Ionen-Batterie benötigte Grafit muss entweder aus dem Ausland importiert oder in energieaufwendigen Verfahren hergestellt werden und stellt somit einen erheblichen Kostenfaktor dar. Eine direkte Umwandlung des anfallenden Lignins zu Kohlenstoffen könnte somit eine kostengünstige Alternative für Elektrodenmaterialien bieten und der produzierenden Industrie ein weiteres wertgenerierendes Element hinzufügen. In naher Zukunft wird angestrebt, diese Technologien als transferrelevante Forschung auf eine Demonstratorebene zu heben, um die Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit dieser Prozesse auf den Prüfstand zu stellen und eine techno-ökonomische Einschätzung der Materialien in Anwendungen, wie beispielsweise Batterien, zu schaffen. Dabei können zum einen wichtige neue Glieder in der Wertschöpfungskette des Lignins etabliert werden oder eine eigenständige neuartige Wertschöpfung erschaffen werden.

Um die Reproduzierbarkeit der Herstellungsverfahren der Lignin-basierten Produkte zu gewährleisten ist eine annähernd gleichbleibende Qualität des Grundstoffs essenziell, wobei auch gezeigt werden sollte, dass die technischen Prozesse innerhalb eines Toleranzbereichs mit dem veränderlichen Naturrohstoff umgehen können. Für eine Verringerung der Markteintrittsbarriere und die Etablierung solcher Prozesse und Materialien in der Wirtschaft, ist es in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung, politische Anreize zu schaffen, welche die Produkte aus regionalen Wertschöpfungsketten unterstützen.

Johannes Schenk, Friedrich-Schiller-Universität Jena

3. Unzureichende Pilotinfrastruktur

Zwar gibt es keinen Mangel an Ideen und ersten Forschungsergebnissen, wofür Lignin eingesetzt werden kann, jedoch bleiben die meisten Entwicklungen im Labormaßstab und sind nicht skalierbar. Einer der Gründe dafür ist die fehlende Pilotinfrastruktur für Lignin-Anwendungen jenseits der Forschungslabore.

Mercer Rosenthal ist ein deutscher Produktionsstandort des nordamerikanischen Konzerns Mercer, der zu den weltweit größten Produzenten von Marktzellstoff und Holzprodukten zählt. Wie im Best-Practice-Beispiel vom Leiter des Mercer-Ligninzentrums, Dr. Lars Gabriel, beschrieben, arbeitet das Unternehmen mit der 2023 in Betrieb genommenen Pilotanlage an Abscheidungsprozessen von Kraft-Lignin und an der Produktentwicklung im industriellen Maßstab.

Best Practice: Pilotanlage von Mercer Rosenthal

Um zukünftig den Rohstoff Holz in unseren Zellstofffabriken noch effizienter stofflich zu nutzen, errichtete Mercer 2023 in seiner Zellstofffabrik in Rosenthal/Thüringen eine vollintegrierte Pilotanlage zur Abscheidung von Kraft-Lignin aus unserem Prozess. Diese Pilotanlage hat eine Produktionskapazität von einer Tonne pro Tag. Diese Kapazität wurde gewählt, um den Abscheidungsprozess unter industriell relevanten Bedingungen zu simulieren. Auf der einen Seite ist die Anlage groß genug, um den Prozess so zu erproben, dass wir die Ergebnisse direkt auf den Betrieb und den Einfluss einer größeren industriellen Lignin-Produktion in unsere Fabrik übertragen können. Auf der anderen Seite ist die Anlage klein genug, um sie für eine Vielzahl von Versuchen zu nutzen, ohne dass diese den Betrieb der Zellstofffabrik beeinflussen. Diese Versuche unter realen Prozessbedingungen sollen uns helfen, den Prozess zu optimieren und den Einfluss einer solchen Anlage auf die Gesamtfabrik besser zu verstehen. Wir möchten die Anlage ebenfalls nutzen, um Lignin in verschiedenen Qualitäten für industrielle und akademische Produktentwicklungen zur Verfügung zu stellen und diese aktiv mit voranzutreiben. Durch die Größe der Anlage sind wir in der Lage, die Lücke zwischen labormaßstäblicher und industrieller Produktentwicklung zu schließen und somit die Etablierung dieses Biomaterials am Markt zu erleichtern.

Wir sind überzeugt, dass jetzt die richtige Zeit ist, um mit einem Biomaterial, das es bis jetzt nicht in marktrelevanten Größenordnungen gab, die Bioökonomie nicht nur in Europa zu fördern und voranzutreiben. Trotzdem sind wir auch auf den mitunter schon stark ausgeprägten Willen anderer Industrien angewiesen, neue Wege weg von fossil basierten Materialien zu gehen. Des Weiteren wären regulatorische Unterstützungen wünschenswert, die den Ausbau der Bioökonomie im Materialbereich beschleunigen.

Dr. Lars Gabriel, Mercer Rosenthal

4. Regulatorik

Lignin, wie es aus der Extraktion in der Zellstoffproduktion als Kraft-Lignin oder aus anderen Prozessen gewonnen wird, ist in den seltensten Fällen direkt verarbeitbar. Transformer, wie das Startup Lignopure, schließen eine wichtige Lücke in der Wertschöpfungskette, indem sie das Material aufnehmen, reinigen und für die nächsten Verarbeitungsschritte vorbereiten.

Für einige Anwendungen wäre eine chemische Modifikation notwendig. Neben den hohen Kosten sind solche Prozesse oft regulatorisch aufwändig: Chemische Modifikationen können aufwändige Zulassungsprozesse auslösen. Unternehmen, die Lignin chemisch modifizieren, operieren unter dem Risiko, mit ihren Produkten unter die REACH-Verordnung zu fallen, wenn sie entweder neuartige Verbindungen entwickeln oder das REACH-System überarbeitet wird. Die REACH-Verordnung (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) basiert auf dem Grundsatz der Eigenverantwortung der Industrie. Dem Prinzip „no data, no market“ folgend, dürfen innerhalb des Geltungsbereiches nur chemische Stoffe in Verkehr gebracht werden, die vorher registriert wurden (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua), n.d.; Rose et al., 2022).

Aufgrund des langwierigen und aufwändigen regulatorischen Prozesses ohne abgesicherte Marktvorteile, wie sie beispielsweise im Pharmabereich bestehen, ist es insbesondere für Startups und kleine Unternehmen schwer, das nötige Kapital für die Entwicklung und Skalierung ihrer Innovationen einzuwerben.

5. Fehlende Austauschplattform

Akteurinnen und Akteure in der Wertschöpfungskette merkten im Gespräch und im Workshop an, dass es eine Plattform zum Austausch und zur Bewertung von Ligninqualitäten geben sollte. Die Akteurslandschaft sei fragmentiert, und es gebe kein Matching zwischen Rohstoffproduzenten, Veredlern, Formulierern sowie Endanwendern: „Was fehlt, ist eine neutrale Institution, die als Mittlerin fungiert.“

Es gibt kaum eine Übersicht über kommerziell verfügbare Lignine, deren Eigenschaften und mögliche spezifische Verwendung. Des Weiteren bestehen nur wenige übergreifende Allianzen oder Cluster, die entlang der Kette arbeiten: Kleine Startups kämpfen oft allein, während große Konzerne kaum kooperieren.