Bedeutung von Nutzhanf für die Bioökonomie
Im oben beschriebenen Prozess wurden verschiedene Wertschöpfungsketten auf Eignung für die Deep Dives und ihre Skalierbarkeit untersucht. Im Zuge dieser Evaluation wurde der Nutzhanf, alternativ auch oft als Industriehanf bezeichnet (European Industrial Hemp Association (EIHA), 2023), für eine tiefergehende Analyse ausgewählt. Als Ackerkultur hat der Nutzhanf ein immenses Potenzial für die Bioökonomie. Er kann vielseitig eingesetzt werden – von der Textil- und Bauindustrie bis hin zur Lebensmittelproduktion. Hanf wächst schnell, benötigt im Vergleich zu anderen Kulturen weniger Wasser und Dünger und gedeiht an unterschiedlichen Standorten. Zudem wird die Hanfpflanze zunehmend als Zwischenfrucht in der Landwirtschaft verwendet, um die Bodengesundheit und die Biodiversität zu fördern. Diese ökologischen Vorteile, kombiniert mit der Tatsache, dass nahezu die gesamte Pflanze zur Gewinnung von Nahrungsmitteln, Fasern und Baustoffen genutzt werden kann, machen Hanf zu einer wertvollen Alternative in einer zunehmend nachhaltigkeitsorientierten Wirtschaft (Schöberl et al., 2021).
Darüber hinaus bietet Hanf erhebliches Potenzial für die Kreislaufwirtschaft, ein zentrales Prinzip der Bioökonomie. Nach der Ernte der Nüsse zur Ölgewinnung können die verbleibenden Teile der Pflanze als Biomasse weiterverwendet werden, zum Beispiel zur Energieproduktion oder Bodenverbesserung. Zudem bindet Hanf durch sein schnelles Wachstum viel CO2 aus der Atmosphäre, was seine positive Umweltbilanz bei einer stofflichen Nutzung weiter verstärkt (de Beus et al., 2023).
Nutzhanfanbau in DeutschlandAnbaufläche in Hektar
Grafik 1: Nutzhanfanbau in Deutschland.
(Quelle: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), 2024).
Der ursprünglich aus Zentralasien stammende Hanf gehört zu den ältesten Nutzpflanzen der Menschheit. Auch aufgrund der Vielseitigkeit und Widerstandsfähigkeit wurde er in der Vergangenheit in fast allen europäischen Ländern kultiviert. Nachdem der Anbau ab dem 19. Jahrhundert stark an Bedeutung verlor, erlebt der Nutzhanf derzeit einen Aufschwung und würde von Landwirten gern häufiger angebaut (siehe Grafik 1). Allerdings ist er im Vergleich zu anderen Ackerkulturen noch eine Nische: Während der Nutzhanf 2024 auf über 7.100 Hektar angebaut wurde, lag die Anbaufläche von Weizen im selben Jahr bei etwa 2,7 Millionen Hektar. Die meisten Nutzhanfflächen werden derzeit in Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt bewirtschaftet (BLE, 2024).
Insbesondere durch die Nähe zum pharmazeutisch bzw. zum Rausch genutzten Hanf gibt es neben großer Zurückhaltung hohe regulatorische Hürden beim Anbau: In Europa ist es möglich, auf dem Feld Hanf mit einem THC-Gehalt von mehr als 0,3 % anzubauen, sofern dies nach nationalen Vorschriften zulässig ist (Deter, 2013). In Italien liegt der zulässige Grenzwert beispielsweise bei 0,6 %, in Tschechien bei 1,0 %. In Deutschland wurde zum Frühjahr 2024 der Grenzwert von 0,2 % auf 0,3 % an das EU-Förderniveau angepasst. Dennoch ist die bisherige Rechtslage mit Risiken für Nutzhanfbauern verbunden: Bereits ein vermuteter Verstoß gegen die sogenannte Missbrauchsklausel kann erhebliche strafrechtliche Konsequenzen für Landwirte und Händler haben. Der Rauschzweck ist trotz des geringen THC-Grenzwerts schwierig auszuschließen, und die Vorgabe wurde in der Vergangenheit äußerst streng ausgelegt. Aus Sicht der Bundesregierung (Stand September 2024) ist dieses Risiko nicht mehr angemessen. Mit der Streichung der Missbrauchsklausel soll der Anbau von Nutzhanf erleichtert und der Umgang damit liberalisiert werden (BMEL, 2024).
