Empfehlungen
Auf Grundlage der Literatur- und Marktrecherche sowie von Experteninterviews kristallisieren sich einige Empfehlungen heraus. Diese Maßnahmen können dazu beitragen, die oben beschriebenen Innovationslücken zu schließen und den Nutzhanf als nachhaltige Ressource in der Bioökonomie zu etablieren und zu skalieren.
1. Wissensvermittlung und Öffentlichkeitsarbeit
Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Nutzhanf in der Industrie, im Bauwesen und in der Humanernährung sollten stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Verbände entlang der Wertschöpfungskette sowie der Handel können durch Öffentlichkeitskampagnen, zielgruppenspezifische Informationsangebote und den Austausch über Best Practices dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und das Innovationspotenzial von Nutzhanf bekannter zu machen. Dabei ist es wichtig, die Kommunikation auf die jeweilige Zielgruppe abzustimmen und strategisch zu agieren, da die Verwendung von Hanf unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann. Steht beispielsweise die Natürlichkeit des Produkts oder potenzielle gesundheitliche Vorteile im Fokus, kann Hanf aktiv und offensiv beworben werden. Wenn die Ressource jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielt, kann es sinnvoll sein, den Aspekt der Hanfnutzung weniger zu betonen, um mögliche Polarisierungen zu vermeiden. So kann für technische Anwendungen im Bauwesen der Fokus stärker auf CO2-Einsparung, Energieeffizienz oder auf das angenehme Raumklima gelegt werden.
2. Förderung von Forschung und Züchtung
Höchste Qualitäten können oft nur durch die gezielte Ausrichtung auf eine spezifische Nutzungsart (z. B. Fasern oder Öl) erreicht werden. Züchter sehen hier im Hanf mit seiner kurzen Züchtungshistorie viel Potenzial. Aktuell sind insbesondere eine frühere und gleichmäßigere Abreife der Körner im Fokus, um einerseits Ernteverluste zu minimieren und andererseits das Stroh optimal vermarkten zu können.
Im Sinne der Bioökonomie sollte jedoch insbesondere ein Schwerpunkt auf Koppelnutzungseigenschaften liegen. Auf diese Weise könnte Landwirten eine höhere Wertschöpfung ermöglicht und der Hanf konkurrenzfähig zu anderen Ackerkulturen gemacht werden.
Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft wünschen sich für Züchtungsaktivitäten staatliche Unterstützung durch die Förderung von Grundlagenforschung und Anreizprogrammen, beispielsweise nach dem Vorbild der 2012 ins Leben gerufenen Eiweißpflanzenstrategie (BMEL, 2023). Diese Förderung könnte einerseits die derzeit in der Praxis gewünschte Züchtung auf spezifische Merkmale und Nutzungsarten fördern oder aber die Gesamtnutzung der Hanfpflanze in den Fokus nehmen und gezielt Forschungs- und Züchtungsaktivitäten für Koppelnutzungssorten unterstützen.
3. Ausbau der Verarbeitungsinfrastruktur
Unternehmen und Investoren sollten gezielt den Aufbau von Vertragsanbau- und Kooperationsmodellen anstreben, um Landwirten mit Abnahmesicherheiten Planbarkeit und langfristige Perspektiven zu bieten. Gleichzeitig sollten gemeinsame Investitionen in Aufschlussanlagen priorisiert werden, um die Wertschöpfungskette zu integrieren, die Produktionskapazität zu skalieren und eine zuverlässige Infrastruktur in Deutschland zu schaffen. Zudem könnte die Entstehung kleinerer, dezentraler Verarbeitungsstätten gefördert werden. Um wirtschaftliche Verarbeitungsstrukturen zu gewährleisten, wird geschätzt, dass der Hanfanbau von derzeit 7.000 ha auf 40.000 bis 60.000 ha gesteigert werden müsste (DIL, 2024). Finanzinstitute wie die Landwirtschaftliche Rentenbank könnten diese Investitionsvorhaben durch die Vergabe von zinsvergünstigten Krediten und Förderprogrammen unterstützen.
4. Normierung und Bildung im Bauwesen
Anpassungen von Standards sind erforderlich, um die Konkurrenzfähigkeit von Naturmaterialien gegenüber fossil basierten und synthetischen Bauwerkstoffen zu gewährleisten. Organisationen wie das Deutsche Institut für Normung (DIN) oder die Bauregelliste des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) sollten technische Standards entwickeln oder anpassen, die die Nutzung von Naturmaterialien wie Hanfbeton oder Hanfisolierungen erleichtern und Bauplanende sowie -ausführende absichern. Bundes- und Landesbehörden sollten Verfahren für die bauaufsichtliche Zulassung von Produkten auf Basis von Naturmaterialien vereinfachen und standardisieren.
Die Integration von Wissen und Know-how im Umgang mit Naturmaterialien in Ausbildungsprogrammen und Studiengängen wie Architektur und Ingenieurwissenschaften ist essentiell, um die Verwendung im Bausektor zu steigern. Lehrende in Berufsschulen sowie Architektur- und Ingenieurstudiengängen sollten Lehrinhalte zur Planung, Anwendung und praktischen Verarbeitung von Naturmaterialien wie Hanf in ihre Curricula aufnehmen.
5. Marktentwicklung in der Humanernährung
Aus Perspektive der Bioökonomie sollte auch die Nutzung des Hanfproteins für die Humanernährung eine größere Rolle spielen. Durch gezielte Forschung und Markterschließung im Bereich Hanfprotein könnte die Nutzung der Koppelprodukte aus der Ölgewinnung etabliert
werden. Forschungsinstitute wie das DIL sollten hierbei weiterhin den Schulterschluss mit Start-ups oder etablierten Firmen suchen, um in gemeinsamen Projekten Innovationen zu identifizieren, Produkte zu entwickeln und Vermarktungswege zu erschließen.