Züchtung von Koppelnutzungssorten
Hanfsorten, die die Nutzung von allen Bestandteilen der Pflanze ermöglichen, sind in der Theorie reizvoll, erweisen sich in der Praxis derzeit jedoch als nicht praktikabel.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden Nutzhanfsorten im Vergleich zu anderen Kulturen wenig gezüchtet, was den Nutzhanf mit erheblichem Optimierungspotenzial ausgestattet hat. In Deutschland gibt es derzeit keinen kommerziellen Züchter oder Vermehrer, während HempIT in Frankreich ein Quasi-Monopol auf dem europäischen Markt mit Hanfsaatgut innehat. Weitere Saatgutsorten stammen aus Osteuropa oder Nordamerika.
Für Landwirte ist eine gesteigerte Wertschöpfung notwendig, da der Erlös aus dem Verkauf von Ölsaaten oder Fasern derzeit oft nicht ausreicht, um wettbewerbsfähig mit anderen, stark auf Ertrag gezüchteten Ackerfrüchten zu sein. Ein Ansatz könnte der Anbau von Koppelnutzungssorten (auch gelegentlich als Doppel- oder Dualnutzungssorten bezeichnet) sein, die sowohl die Ernte der Ölsaaten als auch die Verwertung der Stängel als Fasern oder Schäben ermöglichen.
Koppelnutzungssorten werden oft als potenzialreiche Anbauvarianten betrachtet, erweisen sich in der Praxis derzeit jedoch als herausfordernd, da sie häufig die Nachteile der Faser- und Samengewinnung kombinieren, anstatt deren Vorteile zu nutzen. Ein Engpass besteht darin, dass der optimale Erntezeitpunkt für Stroh und Fasern im August liegt, wodurch mehrere Wochen für die sogenannte Feldröste verbleiben. In einem mikrobiellen Prozess zersetzt sich dabei der Klebstoff Pektin und ermöglicht die einfachere Trennung von Fasern und holzigem Schäbenanteil (Schöberl et al., 2021). Die meisten Hanfsorten lassen derzeit nur eine Ernte der Ölsaaten im September zu. Zuchtunternehmen könnten sich daher auf die Entwicklung von Sorten konzentrieren, die eine frühere und gleichmäßigere Samenreife aufweisen.
Die Förderung der Entwicklung von Hanfsorten mit Koppelnutzungspotenzial sollte Vorrang haben, um Landwirten eine gesteigerte Wertschöpfung zu ermöglichen und Hanf als wettbewerbsfähige Alternative zu anderen Ackerkulturen zu etablieren. Akteure aus der Saatzucht und Landwirtschaft plädieren in diesem Zusammenhang beispielsweise für staatliche Unterstützung, etwa durch die Förderung von Grundlagenforschung sowie durch Programme zur Anbauförderung nach dem Vorbild der 2012 eingeführten Eiweißpflanzenstrategie (BMEL, 2023).