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Innovationslücken, Skalierungshemmnisse und
Best-Practice-Beispiele

Entlang der Wertschöpfungskette des Nutzhanfes konnten einige Innovationslücken und Skalierungshemmnisse identifiziert werden, bei denen unklar war, welcher Faktor die Limitation des jeweils anderen bedingt - sogenannte Henne-Ei-Probleme. Aussagen der Interviewpartner und eigene Recherchen legen nahe, dass die Öffentlichkeit oftmals noch ein eingeschränktes Verständnis von Hanf und den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dieser Pflanze hat. Auch der öffentliche Diskurs rund um die Legalisierung von medizinisch nutzbaren Cannabis wird von vielen als hinderlich für die Entwicklung des Nutzhanfanbaus bewertet. Häufig wird der Hanfanbau pauschal als innovatives Modell für die Landwirtschaft dargestellt, ohne zwischen dem Rauschmittel Cannabis und Nutzhanf für Nahrungs-, Textil- oder Biomassegewinnung zu differenzieren. Diese Vorurteile und eine rigide Gesetzgebung hemmen die Bereitschaft vieler Landwirte zum Hanfanbau. Es findet aktuell jedoch ein Wandel im Denken und in der Regulatorik statt. Weitere Öffentlichkeitsarbeit, um auf die Politik einzuwirken, aber auch die Nachfrage nach Hanfprodukten unter Verbrauchern zu fördern, ist notwendig. Das Nutzhanf-Netzwerk e. V. leistet hier wertvolle Arbeit, indem es die verschiedenen Akteure der Wertschöpfungskette berät und vernetzt:

Best Practice 1: Nutzhanf-Netzwerk e. V.

„Um das große Potenzial von Nutzhanf wieder stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, gründete eine Gruppe von Landwirten, Aufbereitern und Verarbeitern im Jahr 2021 den gemeinnützigen Verein Nutzhanf-Netzwerk e. V.. Ziel war es, den Austausch unter den Akteuren der Branche zu stärken und gemeinsam Lösungen für Herausforderungen wie z. B. die Anbautechniken und Vermarktungsstrategien zu entwickeln.

Mit aktuell knapp 100 Mitgliedern fungiert der Verein heute als Kompetenznetzwerk, das den Anbau und die Verarbeitung von Hanf im deutschsprachigen Raum aktiv vorantreibt. Er ist für seine Mitglieder eine zentrale Plattform, auf der sie Erfahrungen teilen, Unterstützung bei Problemen finden und sich gegenseitig helfen können. Ein Beispiel für den Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Mitgliedern und Interessierten ist der monatlich stattfindende Onlinestammtisch. Dabei wird jeweils ein Impulsvortrag zu einem aktuellen Thema rund um den Nutzhanf gehalten, anschließend diskutieren in der Regel 30 bis 45 Teilnehmende über die vorgestellten Inhalte.

Dank des Einsatzes moderner Kommunikationsmittel ist so auch über große Entfernungen eine deutschlandweite aktive Vereinsarbeit möglich.

Zukünftig möchte der Verein auch bei den Verbrauchern noch mehr Öffentlichkeitsarbeit betreiben, um die vielseitigen Vorteile von Nutzhanf bekannter zu machen, insbesondere den Beitrag zum Klimaschutz, z. B. durch CO₂-bindende Baustoffe. Ein weiterer zentraler Schwerpunkt liegt in der Aufklärungsarbeit gegenüber politischen Entscheidungsträgern und der Gesetzgebung. Hier muss es u. a. darum gehen, dass Nutzhanf aufgrund des niedrigen THC-Gehalts weder psychoaktiv ist noch mit „Rauschhanf“ gleichgesetzt werden kann. Derzeit wird die Vereinsarbeit ausschließlich vom ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder getragen. Für die Zukunft will der Verein Fördermittel akquirieren, um seine Aktivitäten noch nachhaltiger und professioneller zu gestalten. Dies soll zu einer noch größeren Wirkung der Vereinsarbeit führen.“

Über die Regulatorik und Öffentlichkeitsarbeit hinausgehend wurden auf Grundlage der dem Workshop vorangegangenen Interviews vier maßgebliche Skalierungshemnisse und Innovationslücken identifiziert. Diese sind erstens der Bedarf an einer Züchtung von Koppelnutzungssorten auf der Ebene der Saatgutzüchter, -händler und der Landwirte. Des Weiteren gibt es noch keine ausreichende Infrastruktur für Landwirte, um die Fasern und Schäben verarbeiten zu lassen. Investoren hingegen sind skeptisch, ob sich entsprechende Anlagen mit den aktuellen Anbauflächen für Nutzhanf auslasten lassen. In Verbindung zur lückenhaften Infrastruktur gibt es drittens noch viel Unwissen und Unsicherheit im Bereich des Bauens mit Naturmaterialien. Oft wird auf fossile Materialien zurückgegriffen, u. a. weil die Arbeit mit Naturmaterialien unzureichend in der Ausbildung behandelt wird und mitunter regulatorisch bedingte Nachteile (z. B. Sicherheitsfaktor durch potenziell vorhandenes Wasser) existieren. Die letzte Innovationslücke befasst sich mit der Nutzung des proteinreichen Reststoffs aus der Ölgewinnung, insbesondere für die Humanernährung.

Im Folgenden werden vier für die Transformation und Skalierung einer Bioökonomie relevante Innovationslücken der Nutzhanfwertschöpfungskette dargestellt, der Status quo beschrieben und mögliche Lösungsansätze skizziert.

  1. Züchtung auf Koppelnutzung
    • Kurze Züchtungshistorie = hohes Optimierungspotenzial
    • Anbau von Koppelnutzungssorten potenziell interessant, um Wertschöpfung zu erhöhen, ist jedoch derzeit oft nicht praktikabel
    • Unmittelbare Stakeholder: Züchtungsunternehmen, Landwirtschaft

  2. Verarbeitungsinfrastruktur
    • Landwirte zögern, Hanf zur Faser- und Schäbenerzeugung anzubauen, da Verarbeitungsanlagen weit entfernt sind.
    • Unrentabel und kaum Planbarkeit für Investoren durch Unverlässlichkeit der Rohstoffbereitstellung
    • Unmittelbare Stakeholder: Landwirtschaft, Verarbeitung

  3. Normierung und Ausbildung
    • Hohe Herstellungskosten, fehlende Nominierungen, mangelnde Objektivität in der Bewertung
    • Defizit an Know-how in Ausbildungen bremsen die Nutzung von Hanf in der Baubranche.
    • Unmittelbare Stakeholder: Ausbildungsinstitutionen, Gremien für Nominierungen, Baugewerbe

  4. Nutzung von Protein für die Humanernährung
    • Aktuelle Nutzung als hochwertiges Protein in der Tierernährung
    • Großes Potenzial für die Humanernährung
    • Sensorische Eigenschaften und Akzeptanz noch ausbaufähig
    • Unmittelbare Stakeholder: Lebensmittelhersteller, Forschungsinstitutionen